‚Wie ein Stück vom Himmel‘ – Der Rosenkavalier der Bayerischen Staatsoper am 26. Juli 2014

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Vor allem heutige Aufführungen des Rosenkavaliers der Bayerischen Staatsoper stehen automatisch in einem Vergleich zu den bereits legendären Vorstellungen unter der Leitung von Carlos Kleiber mit u.a. Gwyneth Jones, Brigitte Fassbänder, die einst selber einen wunderbaren Rosenkavalier in Oldenburg inszeniert hat und Lucia Popp in den weiblichen Hauptrollen (und die für mich unvergessliche Gudrun Wewezow als Annina).

Dementsprechend hoch waren die Erwartungen und es war eine Freude mitzuerleben wie trotz der gleichen Inszenierung – besser, den gleichen Bühnenbildern – eine vollkommen andere, in sich schlüssige, wunderbare und in der musikalischen Differenzierung und Gestaltung geradezu beglückende Vorstellung des Rosenkavalier gelang. Überaus vielschichtig, feinste Facetten auslotend gestaltete Constantin Trinks mit großer Intensität und beobachtendem Abstand die „einmal lustig und einmal traurig“ Phasen der vor allem im ersten Akt zur Melancholie neigenden Marschallin, ohne selber einer solchen Melancholie zu verfallen. Zu keinem Zeitpunkt wurde der an der Grenze zwischen schmerzhafter, ehrlicher Selbstreflexion und Larmoyanz entlang gleitende Akt sentimental, im Gegenteil; in großer Tiefe lotete er zusammen mit Soile Isokoski das Dilemma einer im Grunde noch jungen Frau aus, die in einem klaren Moment, mit der Erkenntnis der eigenen Vergänglichkeit nunmehr unausweichlich konfrontiert wird und diese letztendlich mit der Kraft ihres Glaubens an Gott und an die ihrer Ansicht nach von ihm auferlegten Aufgabe, dieses zu ertragen akzeptiert („und in dem ‚Wie‘, da liegt der ganze Unterschied“). Im dritten Akt gelang ihm sogar fast das was die Marschallin immer wieder vergeblich versucht, das Diktat einer trotz aller Bemühungen unaufhaltsam dahin rinnenden Zeit zu beenden, die Zeit still stehen zu lassen („manchmal steh ich auf, mitten in der Nacht und lass die Uhren alle, alle stehen“). In dem Übergang in das Terzett vor dem dieses einleitende Marie-Therese, da war es als ob die Zeit und die Welt still stehen würde; es ging etwas zu Ende, damit was Neues entstehen konnte.

Gänzlich unerträglich wird da für die Marschallin das „Herumphilosophieren“ („philosophier‘ Er nicht, Herr Schatz,und komm Er her“) ihres jungen, sich selber noch kaum erkennenden Liebhabers, dem Spielball einer vergangenen lustvollen Nacht. Es war berührend mitzuerleben wie Alice Coote. die Entwicklungsphasen dieses jungen Mannes, seine Verwirrung und sein sich nicht verstanden fühlen, seine als Liebe von ihm selber missverstandene Verliebtheit, seine aufkommende und schließlich erblühende (soweit dies nach Hoffmannsthal für Männer so im Allgemeinen überhaupt möglich ist) Liebe musikalisch und szenisch gestaltet – mitzuerleben, wie in kurzer Zeit, sich dieser „Bub“ zu einem jungen Mann entwickelt,

Sophie ist auf so viele Arten gestaltet worden, von dem jungen, naiven Ding, das versucht zurechtzukommen bis, wie hier von Golda Schultz geschildert, als eine sehr selbstbewusste, genau wissende junge Frau, die nicht nur weiß was sie nicht will, sondern vor allem auch was sie will. Weitaus weniger ein Opfer ihrer Zeit und deren Konventionen, sondern eine klar für sich handelnde, ihr Recht einfordernde und dieses schließlich auch erhaltende junge Frau. Sehr genau ist ihr bewußt, was da zwischen dem von ihr geliebten Oktavian und der ihr unheimlichen fremden Frau abgeht; zu klug ist sie, es sich anmerken zu lassen; sie weiß, wann es für sie klüger ist zu schweigen, um das zu gewinnen, was sie gewinnen will. Im Grunde eine junge Marschallin. Musikalisch betörend die diversen Duette mit Octavian, voller Liebe, Sehnsucht, Tiefe, grandiosen – schwebenden Tönen und einer klaren, zielgerichteten Haltung.

Wie leicht rutscht der Ochs zu einem tumben Popanz ab und man mag vielleicht nicht immer alle seine Ansichten teilen, aber er steht zu diesen und handelt offen und direkt – ganz im Widerspruch zu der, ihn einwickelnden „wienerischen Maskerad“. Als Lerchenauer „kein Spielverderber nicht“, glaubt er mitzuspielen, versucht sich zu behaupten und merkt als Nicht-Wiener gar nicht, welches Spiel da überhaupt gespielt wird und er im Grunde weniger Gestalter dieses Spieles ist, sondern bloßer Mitspieler – dies wird ihm erst in letzter Konsequenz dann bewußt als er den Fehler begeht die Marschallin zu erpressen – da trifft ihn die ganze Macht und Arroganz des höheren Adels und es gilt für ihn abzutreten. Großartig, wie Peter Rose dieser Figur voller Charme szenisch und musikalisch erleb- und nachvollziehbar gestaltet und ihr ihr Recht zukommen hat lassen.

Es gibt Vorstellungen, die noch nach vielen Jahren in mir nachklingen und ich denke dieser Rosenkavalier wird eine dieser Vorstellungen sein !

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